Tod in der Rille – zugleich zweiter Versuch über beethoven

Januar 16, 2018 § 9 Kommentare

 

 

Ich mag Schallplatten. Wirklich. Es fühlt sich einfach besser an. Ich sage bewußt nicht: h ö r t sich besser an, denn mit dem Thema Vinyl versus CD und was nun besser klingt wird man nie fertig. Es lässt sich objektiv auch nicht wirklich messen, weil zu viele Faktoren, vor allem psychoakustischer Natur, hineinspielen. Die Sache beginnt nun aber schon beim Plattenhändler meines Vertrauens, dem Stöbern und Fachsimpeln, dem Austausch mit Gleichgesinnten. Zuhause dann erfreuen sich die Finger am Karton der Hülle, deren feinschmirgelige Haptik erste Glücksimpulse Richting Gehörzentrum sendet. Ist die Nadel erst einmal in die Spur gesetzt, kündigt sich die Musik durch feines Knistern an; gleichsam der Moment im Konzert, wo sich nach Abflauen des Eingangsapplauses Stille über den Ort des Geschehens senkt. Denn Stille ist nicht das Ausbleiben von Schallereignissen, sondern der Rückzug derselben aus der Sphäre der Bedeutsamkeit – klar eine semantische Kategorie. Mich stören auch nicht diverse „Nebengeräusche“, die das Medium Vinyl begleiten. Als zu Beginn der Achziger Jahre die CD am Markt durchgesetzt werden sollte, warben die Plattenfirmen mit dem „reinen Klang“, als dem „puren Gold“ der Musik. Marketing im Geiste von Waschmittelwerbung: „weißer als weiß geht nicht“ hieß das wohl in den Siebzigern. Nachdem sämtliche bereits auf Schallplatte erschienenen Aufnahmen ein weiteres Mal abgesetzt waren, diesmal als CD – das pure Gold materialisierte sich in den Kassen der Phonofirmen – kam man irgendwann darauf, dass eine Tonaufnahme nicht rein, sondern gut klingen muss. Der Aufnahmetechnische Standard hierfür war in den Fünfzigern und Sechzigern entwickelt, als die Röhrentechnologie bis heute unübertroffene Aufnahmen ermöglichte. Aber ich schweife ab. Die Nadel hat es sich in der Rille bequem gemacht, der langsame Satz aus Beethovens Hammerklaviersonate hebt an. Adagio sostenuto – Appassionato e con molto sentimento. Keiner der Beethovenschen langsamen Klaviersätze ist länger als dieser ergreifende Gesang, beklemmend und großartig zugleich in seiner Abgrundtiefen Fis-moll-Traurigkeit. Der englische Pianist John Lill zelebriert die weitgespannten Kantilenen fast schwebend, er holt sie aus dem Nichts und begleitet sie, von wenigen expressiven Ausbrüchen begleitet, an die Schwelle des Unhörbaren. Wo das Hauptthema sich in einem kurzen lichten Moment nach G-Dur wendet, bleibt die Zeit einen Moment stehen – eine Feengleiche Erscheinung, allerliebst, zieht den Vorhang des Zimmers beiseite, in dem der Held brütend zusammengesunken sitzt, öffnet das Fenster und lässt für einen Moment frühlingshaft milde Luft herein. Später, bei der Reprise des Themas, halten sich die Zweiunddreißigstel-Figurationen an den Hauptmelodietönen fest als wären sie Krücken einer längst zerbrochenen Existenz. Aber die zittrige Figuration ermattet und weicht erneut dem ruhigen Achtelstrom, der sich wieder nach G-Dur wendet, die Fee schwebt durchs Zimmer Richtung Fenster, die Hand bereits am Griff, die innig-frühlingshaft-beglückende Subdominante zum Greifen nah – da —— KNACKS – die Nadel stößt auf ein unüberwindbares Hindernis und springt zurück in die Nachbarrille. Mich hebt’s aus dem Sessel, denn nun hängt die Fee am Griff fest und bekommt das Fenster nicht geöffnet. Einen Moment lasse ich den Loop laufen, lasse die Nadel an der immer gleichen Stelle auf Grund gehen, konsterniert. Die Technik hat Beethoven ermordet. Schließlich hebe ich die Nadel aus der Rille und dirigiere sie ein Stückchen weiter. Die Musik spielt weiter, aber das Fenster bleibt geschlossen.

 

 

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