rosagelb

Dezember 7, 2017 § 6 Kommentare

 

Rosa ist gefährlich. Kein Farbeffekt ist billiger zu haben. Sexualisiertes Fleisch, Biologie, Urschlamm. Noch gefährlicher in Verbindung mit gelb. Jetzt, wo der Maler Balthus mal wieder auf den Prüfstand kommt – eine Online-Petition fordert die Abhängung des im New Yorker Metropolitan Museums hängenden Gemäldes „Therese, träumend“ (s. Artikel „Lolita soll gehen“ in der Süddeutschen von heute) – und die Grenzen zwischen Kunst und Realität, Vorstellen und Handeln neu verhandelt, vielleicht nachjustiert werden, lohnt es sich, neu über all dies nachzudenken. Welche Freiheit hat der Künstler. In welcher Verantwortung steht er. Was darf von Kunst erwartet werden. (Nebenbei: ein Blogger echauffierte sich neulich über eine am Steuer mit dem Handy telefonierende Tatortkommissarin – als hätte sie per se eine Vorbildfunktion, bzw. der Tatort den Auftrag zur Volksbildung)  Und eines scheint mir klar: jede Gesellschaft verhandelt die Grenze zum Unerlaubten, zum Tabu hin aufs neue. Und passiert dies, werden spannende Einblicke in die Grundlagen der menschlichen Existenz möglich.

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§ 6 Antworten auf rosagelb

  • gkazakou sagt:

    dein Rosagelb lässt auch andere Assoziationen zu, zB Widerschein auf- oder untergehender Sonne. Dir ist da ein sehr schöner Ton gelungen.

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  • LO sagt:

    Als ich „rosagelb“ las, dachte ich sofort „brrr“. Sieht aber ganz angenehm aus.

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  • schneck sagt:

    Schlimm und gefährlich, diese momentane Entwicklung von moralisierendem Bildersturm, egal, ob die Moral dabei generell gerechtfertigt ist oder nicht. „Was es nicht geben soll/darf, das gibt es auch nicht!“ scheint die frühkindlich visuelle Herangehensweise zu sein. Wenn’s nur so einfach wäre. Man kann Balthus abhängen, und dennoch wird es weiterhin Lolita-Begehrlichkeiten geben, ebenso wie vieles anderes, was derzeit wieder zur angeblichen Disposition steht. Ausserdem gilt ja immer noch, auch für Balthus: Ein Bild ist immer auch ein Bild von einem Bild. Und ggf. ja sogar „gespielt“, um auf missliche Zustände hinzuweisen. Man kann auf ein Bild schreiben „Hitler ist toll!“ und damit das Gegenteil meinen, das sind ja gerade die wunderbaren Möglichkeiten der Bildschaffung. Die allgemeine Empörtheitsschwelle aber sinkt derzeit überall bedenklich und kurzsichtige Deutungswächter mit tumber Bereitschaft für einfache Erklärungen kriechen aus Löchern. Mir macht das gerade tatsächlich zunehmend Angst, denn „Bilderverbote“ scheinen plötzlich wieder möglich in vielleicht nicht allzu weiter Ferne.

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    • derdilettant sagt:

      Vielen Dank, lieber schneck, für den ausführlichen Kommentar. In der Sache freilich gehen wir auseinander. Zwar halte auch ich es nicht für eine gute Idee, den Balthus abzuhängen; hinterfragen aber, was uns das Bild eigentlich mitteilt – beabsichtigt oder nicht – kann man schon. Und da zeigt sich eben, dass sich die Zeiten, mit Recht! geändert haben. Man sollte die „Sexismus-Debatte“ und das Thema „Bildersturm“ zwar auseinander halten, aber mit einander zu tun haben sie schon. Bei ersterem geht es um Verhalten, ganz klar nicht um: Phantasie, Vorstellung, Kunst. Und zwar übergriffiges Verhalten, das heute, im Unterschied zu früher, klar benannt und verurteilt und eben nicht auf gesellschaftlicher Ebene einer Vertuschung, Bagatellisierung anheim fällt. Demgegenüber kann/darf die Kunst vieles, aber eben auch nicht alles. Was konkret, verhandelt jede Zeit/Kultur aufs neue. Um einmal an das Hitler-Beispiel anzuknüpfen: Natürlich wäre das Bild als Kunst so möglich. Nicht möglich wäre es hingegen, Bilder des Malers Adolf Hitler im Rahmen einer „normalen“ Kunstausstellung als „Kunst“ zu präsentieren. Und zwar unabhängig davon, ob sie denn die entsprechende Qualität hätten oder nicht (haben sie nicht, natürlich). Und bezogen auf das Bild von Balthus wäre ja z. B. zu fragen, warum es „Therese, träumend“ heißt, als ginge es bei dem abgemalten Mädchen gar nicht um ein sexualisiertes „Objekt“, sondern um ein „unschuldiges“ Mädchen, das der Maler „zufällig“ in dieser Pose gewissermaßen in sich selbst versunken antraf. Sagt Balthus uns, dass Kinder sexuell attraktiv wirken können? Oder dass es „ok“ ist, einen lüstern aufgegeilten Blick auf ein Mädchen werfen zu können, das davon nichts mitbekommt (nichts mitbekommen darf)? Verarbeitet er eine nicht gelebte sexuelle Orientierung in seinerKunst? Muss man Menschen, die auf dieses Bild treffen, zumuten, dass sie sich über Kunsthistorische Zusammenhänge orientieren müssen, bevor sie das Bild eventuell als „Einladung“ zum sexuellen Kindesmißbrauch (miss)verstehen? Lauter fragen, die völlig zu Recht gegenwärtig intensiv gestellt und diskutiert werden, u.a. auch weil es eine Online-Petition gibt. Will sagen, die „hehre“ Kunst darf m E. nicht, wie das in früheren Jahrhunderten selbstverständlich der Fall war, eine Sonderstellung für sich außerhalb gesamtgesellschaftlich relevanter Fragestellungen behaupten. Fragen der Doppelmoral, insbesondere des Künstlers der Gesellschaft gegenüber, sind zu diskutieren (z. B. dass Künstler sehr wohl immer schon mit Blick auf den Markt produziert haben und die Verkäuflichkeit ihrer Bilder über nackte Haut gesteigert haben. Wohlgemerkt: darin erschöpfen sich z. B. Aktdarstellungen nicht, aber es ist ein Aspekt) Und letztlich: freuen wir uns doch, dass Bilder (=Kunst) wirken, etwas bewirken! Bilderstürme der früheren Zeiten hatten ja genau damit zu tun: Bilder sind mächtig! (Nein, diese Zeiten wünsche ich mir nicht zurück; aber diskutieren können soll man schon dürfen, ohne gleich als Kunstbanause oder Zensor abgestempelt zu werden.) Nur ein paar flüchtige Anmerkungen zu einem uferlosen Thema. Beste Grüße vom Dilettanten!

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