Felsen, ein reisender Poet, selbstangebauter Tabak in Kakanien und ein Gedicht

September 10, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Berge lassen mich nicht los. Struktur, Wucht, Größe, Entrückung.

(Brenta-Gruppe, Becca di Filadonna, Ifinger, Rauhehoch)

 

Wo wir mit unserem Gefährt in einem Hohlweg oberhalb des Molveno-Sees stecken geblieben waren, zog anno 1855 der Jurist, Maler und Dichter Joseph Victor von Scheffel auf einem strohgedeckten Esel Richtung Molveno-Dorf. In seinem „Gedenkbuch über stattgehabte Einlagerung auf Castell Toblino im Tridentinischen“ berichtet er darüber:

„…Man reitet lang am Ufer hin; dann erscheint endlich der Kirchturm und die schindelgedeckten Steinhäuser von Molweno… Aber bevor man ins paese einreitet, steht in einer geröllüberdeckten Niederung beim See eine Sägemühle; ein Wildwasser kommt aus engem, dem Blick seither versteckten Thal hervor, in diesem Thal ragen finster und trotzig hinter den tannumsäumten Vorbergen viel zerklüftete kahle Hörner und Spitzen empor, ewiger Schnee glänzt in ihren Spalten, dunkle Eismassen umpanzern ihre Rücken, und hinter diesen Hörnern ragt eine zweite, noch wilder zerrissene Schicht Gebirges in unzugänglicher Höhe.. die Nebel kochen und wallen und weben unheimlich um die verhüllten Gipfel, .. das ist der Gletscher von Molweno .. wer Lust hat, mag in jene Wildnis emporklettern; wenn man drin ist, sagt Stefanus der Sklav, geht’s zwanzig Stund lang so fort und fort, dann kommt die alte Holzbrücke und dann die Schweiz … wer schon fünf Stunden in animalischem Sattel versessen, der ruft ‚vorbei! vorbei!‘ und reitet ins Wirtshaus.“

Im Ort angekommen wird der Fremde zunächst für einen Spitzel der Österreichischen Regierung gehalten:

„Ein galantuom im bekannten ausgebuchteten Frack trat [in das Wirtshaus] ein und knüpfte ein ausforschendes Gespräch an, das von der Besorgnis durchleuchtet war, wir möchten im Auftrag des österreichischen Tabakmonopols hier erschienen sein; denn wiewohl es zu allgemeinem Verdruß der Tiroler streng untersagt ist, daß der Mensch sich seinen Hausbedarf an edelm Kraut selber pflanze, war es ihm seither gelungen, hinter dem Rücken von Gendarmerie und finanza seinen Tabakgarten in gutem unkonfiscierten Stand zu erhalten. ‚Ist’s nicht unverantwortlich‘, sagte er, nachdem er uns über allen Verdacht erhaben befunden, ‚daß das governo uns, die es in allen Fällen der Not i bravi e fedeli Tirolesi heißt, untersagen will, uns auf eigenem Grund und Boden diese Kopf- und Herzstärkung zu bereiten?‘ Er zog eine altertümliche Dose mit einer staubartigen rötlichen Substanz, von der ich seither gewähnt, daß sich ihr Vorkommen auf süditalische Kapuzinerkloster beschränke, und bot sie mir an. ‚Es ist unverantwortlich!‘ sagte ich, nachdem ich seine Prise gekostet. – – -“

Bemerkenswert übrigens, dass zu einer Zeit, da ein auf einem Esel daherreitender Fremder in dieser Gegend für Aufsehen und anfängliches Misstrauen sorgte – geschweige denn, dass von irgendeiner Art Tourismus auch nur die Rede sein konnte – unser reisender Jurist und Dichter bereits um die Vergänglichkeit von Naturschönheit wusste, und ihre drohende Verschandelung durch massentouristische Begleiterscheinungen voraussah. Auf seinem Weg zum Molveno-See kommt er an einem kleineren See vorbei und beschreibt eindringlich dessen Schönheit:

„…aber aus den Tiefen dunkelten seltsame Farben wie aus dem Gemüt eines Einsamen; reichverschlungene Schichten von Wasserpflanzen deckten den größten Teil seines Bodens mit ihrem dunkeln Grün, an andern Stellen ward der gelbe Grund sichtbar, unbewegt lag das niedere Gewässer darüber .. es war wie ein großer geschliffener Malachitstein .. seltsam ineinand verwebte Schlingungen von Schwarz, Grün und Gelb … „,

um dem See dann folgendes Gedichtlein zu widmen:

„O zürne nicht, See von Nembia,
Im felsstarr schweigenden Thale,
Daß ein Mensch dich zu besuchten kam
Auf graulichem Animale.

Ich kenne dich, See von Nembia,
Ich lese aus deinen Zügen:
In ungekannter Schöne willst
Du nur dir selber genügen!

Fahr wohl drum, See von Nembia,
Und mög dich der Himmel bewahren
Vor allen Töchtern Albions
Und Berliner Referendaren!“

 

(Zitiert nach der 2. Auflage Stuttgart 1901)

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