Im Schaltkreis

Juli 12, 2017 § 6 Kommentare

Nein, hier geht’s nicht um das Thema „Frau und Technik“. Ansätze dieser Art sind mir völlig fremd, unangenehm gar. Beginnt irgendwo ein Satz mit „Frauen sind…“ oder „Männer glauben…“ wende ich mich schaudernd ab. Neulich las ich irgendwo, Einstein habe sich mal dahingehend geäußert, viele Männer versuchten, das „Wesen“ einer Frau zu verstehen. Da sei es doch einfacher, sich mit der Relativitätstheorie zu beschäftigen. Blickt man zurück in die Geschichte, fällt doch auf, dass über weite Strecke „die Frau“ überhaupt nicht „verstanden“ oder „erklärt“ werden musste. Jedenfalls nicht, solange sie den ihr von Männern zugewiesenen Platz drinnen und draußen einnahm. Beschritt sei eigene Wege, wurde sie schnell zur Hexe oder Hure, seltener auch zur Heiligen. In späteren, zunehmend aufgeklärten Zeiten verlor die Thematik ihre physische Brisanz und lebt nun in philosophisch-intellektuell verbrämten Stammtischdiskursen fort. „Verstanden werden“ soll „die Frau“ immer dann, wenn sie nicht den männlichen Erwartungen entspricht. Statt sich der Aufgabe eines zwischengeschlechtlichen Miteinanders zu stellen zieht dann wohl mancher die Relativitätstheorie als Bettlektüre vor. Dabei ist es wirklich simpel: Menschen sind Individuen mit je unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen. Nicht immer harmonieren diese in der Begegnung. Alles weitere folgt daraus, auf die ein oder andere Art. Was gäbe es da (nicht) zu verstehen? Aber darum geht’s hier nicht. Hier geht es um meinen Vater. Genauer: Um eine Kindheitserinnerung an ihn. Mir fiel nämlich ein kleines Büchlein in die Hände: Praxis der Rundfunk-Stereofonie, von Werner W. Diefenbach. Enthaltend zahlreiche Abbildungen von Schaltdiagrammen. Und nun sehe ich meinen Vater, abend für abend in den Wohnzimmersessel gefläzt Schaltdiagramme auf Schmierpapier zeichnend. Wichtige dienstliche Probleme konnten offenbar tagsüber nicht gelöst werden und bedurften der feierabendlichen Nachbearbeitung. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die den Vater lieber in ein Gespräch verwickelt, oder ihm aus der Zeitung vorgelesen hätte. Ich verstand nichts von den visualisierten technischen Vorgängen – soviel vielleicht, dass sich da Signalwege ihren Weg bahnen mussten – aber mich faszinierte das Linienspiel, das sich in immer neuen Verästelungen auf dem Papier abzeichnete. Sicher auch die ruhige Konzentriertheit, die mein Vater ausstrahlte. Heute denke ich, so kam er zur Ruhe; fand ein Arrangement aus Signalwegen und elektrischen Widerständen vielleicht handhabbarer als das Miteinander von Menschen, derem Intrigenspiel er sich nicht anschließen mochte. Ob sich ins Technische gelegentlich eine erotische Fantasie mischte, vermag ich nicht zu sagen. In meiner Fantasie aber sind Linien zu allen möglichen Orten unterwegs. Der Keim wurde damals, im heimischen Wohnzimmer, gelegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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