Mehr Finsternis!

Mai 5, 2017 § 8 Kommentare

Licht – eine Form von Energie. Finsternis – die Abwesenheit von Licht. Oder? Warum nicht andersherum: Finsternis – eine Form von Energie. Licht – die Abwesenheit von Finsternis. Wir alle glauben, Licht zu sehen. Dabei sehen wir nur Körper. Licht kann man nicht sehen, denn wo sich dem Licht kein Widerstand bietet, da bleibt es unsichtbar. Alles dunkel, im (lichtdurchfluteten) Universum. Und erst die Farben. Newton, Goethe. Unzählige Physiker und Geistesgrößen in beider Gefolge. Jetzt Olaf L. Müller, Professor für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Humboldt-Uni Berlin (immerhin!), mit einem 500 Seiten starken Buch und dem Versuch, den von der Naturwissenschaftlichen Forschung längst erledigten Farblehrer Goethe zu reanimieren und nebenbei ein paar interessante wissenschaftstheoretische Fragen aufzuwerfen.* Denkt der Laie. Rezensionen in Fachkreisen haben das Buch mittlerweile zurückgewiesen. Nochmal kurz das Wichtigste soweit ich es bisher verstand: Newton hatte festgestellt, dass das „weiße“ Licht aus Kräften zusammengesetzt ist, die (durchs Prisma geschickt) unterschiedlich stark brechen und der Einfachheit halber als Strahlen bezeichnet werden können, die unterschiedliche Farbempfindungen hervorrufen. Goethe war empört über die Vorstellung, Licht sei etwas Zusammengesetztes und entwickelte demgegenüber die Vorstellung, Farben entstünden erst im Aufeinandertreffen von Licht und Finsternis, seien also nicht einfach im Licht bereits „enthalten“. Müller setzt nun dem von ihm so genannten „Newton-Spektrum“ (die Regenbogenfarben) das „Goethe-Spektrum“ gegenüber. Schickt man nämlich anstelle eines Lichtstrahls in einem dunklen Raum (Newton) einen „Finsternisstrahl“ in einem hellen Raum (Goethe) durchs Prisma, so zeigen sich in abgeänderter Reihenfolge alle Regenbogenfarben, außer dass das mittige Grün durch das mittige Purpur ersetzt ist. Dies machte mich hellhörig, denn ich hatte gerade erst für mich festgehalten, dass sich der herkömmliche Farbenkreis entlang der Regenbogenfarben ja nur rundet, indem man das „in der Natur“ nicht vorkommende Purpur hinzumischt und so die Lücke vom dunkelblau/violett zum rot schließt. Um’s kurz zu machen: Je mehr ich versuche, zu verstehen, desto mehr entgleitet mir das Phänomen. Ein Schicksal, das ich tröstlicherweise sicher mit dem ein oder anderen Laien teile. Der Verdacht allerdings, dass auch die Fachwelt, wenngleich auf viel höherem Niveau, im Dunkel herumstochert, kann auch nicht ganz ausgeräumt werden. Aus alledem folgt eigentlich nur, dass sich glücklich schätzen darf, wer nichts weiß, insbesondere nicht, dass er nichts weiß. Erfreue ich mich doch einfach an selbst angerührtem Cadmiumgelb (über grau):

 

 

und an einer Schlafenden, deren Träume in einer Welt jenseits der Farben angesiedelt sein mögen:

 

 

* Olaf L. Müller, Mehr Licht. Goethe mit Newton im Streit um die Farben. Frankfurt 2015

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