Die Angst der Unfähigkeit vor dem Prüfstein eines weißen Grundes

März 22, 2017 § 6 Kommentare

 

 

Nachdem, wie berichtet, auf meinem Küchentisch Goethe für seinen Malerkollegen Neo Rauch ein wenig zur Seite Rücken musste, ist es unterdessen, vermittelt durch den Kunsthistoriker Werner Spies,  zu einer direkten Begegnung beider gekommen. Das ging so: In einem Buch über Neo Rauch* berichtet Spies von einem Gespräch mit dem Maler, und die Frage ist: wie beginnen, wie den Einstieg ins Bild finden. Rauch habe sich dergestalt geäußert, dass er zu Beginn einen Einstieg ins Bild, etwa in Form kleiner Farbflecken, als einer „Verletzung der reinen weißen Leinwand“ bräuchte. Spies nun bringt Goethe ins Spiel und zitiert aus Dichtung und Wahrheit: „Denn es war mir fast unmöglich, bei meinen Zeichnungen ein gutes, weißes, völlig reines Papier zu gebrauchen; graue veraltete, ja schon von einer Seite beschriebene Blätter reizten mich am meisten, eben als wenn meine Unfähigkeit sich vor dem Prüfstein eines weißen Grundes gefürchtet hätte.“** Wie tröstlich, dachte ich da, dass selbst Olympier wie Goethe das Weiß des Papiers als angsteinflößenden Prüfstein empfinden. Ähnliches las ich mal in Bezug auf Horst Janssen, der für seine Tuschen gerne altes, abgelagertes Papier verwendete, sich allerdings zierte, Alterungsspuren künstlich, etwa durch Klecksereien, herzustellen – aus Angst, die Sache bekäme dadurch etwas „Gesuchtes“, „Geschmäcklerisches“. Ich nun gestehe freimütig meine Bereitschaft, jeden Trick anzuwenden, wenn er denn nur hülfe, die erste, „weiße“ Hürde zu nehmen. Dazu gehört übrigens eine fast schon abergläubig zu nennende Scheu, hochwertiges Papier eigens fürs Malen und Zeichnen zu erwerben. Viel lieber sammle ich abgelaufene Bildkalender aller Größen, deren festes, sehr strapazierfähiges Papier sich, einmal nass aufgezogen, hervorragend für Techniken wie Eitempera oder Acryl eignet.

 

  • * Neo Rauch. Herausgegeben von der Stiftung Frieder Burda und Werner Spies. Ostfildern 2011
  • ** S. 29

 

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§ 6 Antworten auf Die Angst der Unfähigkeit vor dem Prüfstein eines weißen Grundes

  • Es ist beinah grotesk, dir hier digital zuzustimmen, wo doch der Computer beliebig viele jungfräuliche Flächen simulieren kann. Ehrfurcht vor der Makellosigkeit eines weißen Blattes kann da gar nicht aufkommen, wenn man es nicht von früher kennt. Doch auch da, wo wir mit Material arbeiten, ist die leichte Verfügbarkeit von Papier beispielsweise nicht geeignet jene altertümliche Scheu aufkommen zu lassen. Richard de Bury berichtet in seinem Philobiblon, dem berühmten Buch von der Bücherliebe (1344) von der frevelhaften Praxis, die Ränder von Büchern abzuschneiden, um auf diese Weise Beschreibstoff zu gewinnen. Goethe schrieb sein „Über allen Gipfeln ist Ruh“ mit Bleistift an die Bretterwand einer Jagdhütte. Hatte da wohl kein Papier zur Hand. http://trithemius.de/2012/03/22/dahingeschlenzter-bummel-durch-die-zeit/

    Der von dir getaggte Begriff „Horror vacui“ bedeutet freilich das Gegenteil. Aristoteles´meint damit, dass die Natur keinen leeren Raum dulde, sondern immer bestrebt ist, jenen mit Leben zu füllen. Dem entspräche der Drang von Streetartisten, eine frischgetünchte Hauswand zu taggen 😉

    • Beinah vergessen: Schönes Blatt! Es erscheint fast selbstverständlich, dass du hier herausragende Qualität zeigst. Aber das ist es nicht, wie hier zu lesen, sondern der Fläche abgerungen.

    • derdilettant sagt:

      Vielen Dank für diese schönen Ergänzungen, die Knappheit des Materials in früheren Zeiten hatte ich noch gar nicht mit bedacht. Auch Dein Goethe-Text – hinreißend! Ich zielte ja mehr auf die, wie soll ich sagen, psychologische Ebene des In-Gang-Setzens kreativer Prozesse und die Blockade, die ein ungeschriebenes Blatt bewirken kann bis hin zur Versagensangst, wie Goethe sie beschreibt. Da macht das Digitale in der Tat einen Unterschied, durch die grenzenlose Verfügbarkeit der Oberflächen, und weil der digitale Raum ja ein einziger Fluss aus Geschriebenem und anderen Daten ist, man also nie bei „Null“ anfängt (und übrigens auch, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, löschen kann, ja sogar zunächst verworfene Stufen unbegrenzt reaktivieren kann) Dank auch für die Etymologie des „Horror vacui“ den ich, vielleicht in einem umgangssprachlichen Sinne, allerdings verstehe als die Angst des Schreibers/Malers vor der Gedankenblockade angesichts des weißen Blatts.

  • LO sagt:

    gefällt mir so gut!

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