Der heilige Sebastian auf dem Laufsteg

März 5, 2017 § 2 Kommentare

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Bei meinem letzten Besuch in der Gemäldegalerie am Kulturforum betrachtete ich eine Weile Rubens‘ imposantes Gemälde „Der heilige Sebastian“. Ein beinahe unbekleideter, überaus ansehnlicher und gut gebauter, mit einigen Pfeilen bespickter junger Mann ist dort abgebildet. Seine Hände sind möglicherweise hinter dem Rücken zusammengebunden, die Hüfte schwingt elegant aus und der Blick geht sehnsuchtsvoll gen Himmel. Der Wechsel von Stand- und Spielbein in Verbindung mit der durchgedrückten Brust gibt dem Maler jede nur erdenkliche Gelegenheit, im Wechsel von Licht und Schatten Muskel für Muskel hinter der jugendlich zarten Haut zu modellieren. Ein Fest fürs Auge. Zwar hat Rubens an den Einstichstellen der Pfeile mit ein paar Tröpfchen Blut nicht gespart, doch die geschmeidige Haltung des Körpers und der verzücktverklärte Blick des Jünglings lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, dass hier jemand gerne, geradezu genussvoll, sein Leiden exhibitioniert. Der Legende nach musste Sebastian, ein tapferer Krieger im Dienste seines Kaisers, für sein Christentum büßen zu einer Zeit, als dieses noch eine Sekte war. Das mag gerecht scheinen, immerhin mussten später, als das Christentum Staatsreligion geworden war, viele dafür büßen, dass sie keine Christen waren. In der bildenden Kunst wurde das Martyrium des heiligen Sebastian ein überaus beliebtes Motiv. Warum? Zu einer Zeit, als man noch nicht einfach malen konnte, was einem in den Sinn kam – bzw. man konnte schon, aber ohne Aussicht auf Anerkennung und Kundschaft – galt es stets, das vermeindlich „Niedere“ mit dem vermeindlich „Höheren“ zu verbinden. Also die Lust auf stramme Haut mit einer frommen Geschichte, die Lust auf Gewalt mit bibelfestem Bildungungsauftrag, tabuisierte Sexualität mit antiken Mythen. Uns Heutige lässt der heilige Hüftschwung Sebastians nicht frömmelnd erschaudern. Wir kennen ihn von den Laufstegen dieser Welt. Von den darüber lässig schlendernden Hungerhaken hätte sich Rubens freilich schaudernd abgewand.

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