Ich hatte Lust, ihn in die Schulter zu beißen …

November 23, 2016 § 2 Kommentare

Das Herz ist mir schwer, wenn ich daran denke, dass wir morgen das Land verlassen werden, und doch bin ich auf eine überraschende Weise glücklich, furchtlos und ins Leben verliebt…“ Mit diesem Satz endet das Tagebuch einer Sibirienreise: „Das Licht der grünen Steppe“, geschrieben von Brigitte Reimann. Früh erfolgreich als Autorin in einem Land, das längst Geschichte ist. Geschichte ist auch die Sowjetunion, von deren Aufbautaten die Reise 1964 Zeugnis ablegen sollte. Man liest darin aber Sätze wie „Auf der Insel zwischen Birken und braunen Zelten, spielten unsere Männer Volleyball gegen eine Studentenmannschaft. Wie recht hatte der Sibirier, der einen Tost auf die ‚gewichtige Delegation‘ aufbrachte: was kamen da für Bäuche zum Vorschein, wie viele Zentner wogten da übers Feld, zwischen den schlanken braunen Knaben… Wir standen daneben und feixten: ich habe auch eine Theorie über dicke Leute, die sagte ich Nadja, und wir lachten so provokatorisch, daß wir vom Platz verwiesen wurden.“ Das liest sich programmatisch über ihr Leben, denn bei aller Hingabe an die Idee, die sozialistische Gesellschaft mit aufzubauen, und trotz diverser Auszeichnungen, rieb sie sich zunehmend an der Ignoranz der Funktionäre und dem Kunstunverständnis einer Arbeiterschaft, aus der doch der neue Mensch geformt werden sollte. Wie die privaten Turbulenzen stets ins Politische hinüberschwappten, und umgekehrt, kann man in ihren Tagebüchern nachlesen. Die endlosen Sitzungen, Beratungen der Kollektive, Parteigremien, die Arroganz der Macht (Ulbricht), die Speichellecker des Systems, die Avancen älterer Männer, aber auch das subversive Einverständnis mit Gleichgesinnten. Der Alkohol omnipräsent, Musik als Stimulans. Stete Zweifel am eigenen Vermögen, trotz früher Erfolge als Autorin, Abstürze in die Depression – und Liebe. Begehren, Verlangen. Der Weggefährte und Freund Dieter Dreßler fand diese Worte: „Ihr Lebenswille war blanke Lebensgier seit der Zeit der ersten schweren, ihr Leben bestimmenden Krankheit [Kinderlähmung 1947]. Der mögliche frühe Tod schien wie eine sehnsuchtsvolle Angst mit der Lust ihres Lebens verbunden.“ 1961, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller Siegfried Pitschmann zusammenlebend, lernt sie Hans Kerschek kennen – „…ich hatte Lust, ihn in die Schulter zu beißen… Wir analysierten sehr kalt und vernünftig unsere Beziehung und legten die Spielregeln fest – wir wußten schon, daß etwas wuchs, was den Verstand überschwemmte“ –  und beginnt eine jahrelange Affäre, bevor beide ihre jeweiligen Partner verlassen und heiraten. Doch die Ehe endet im Zerwürfnis, mehr noch: Reimann sieht sich nun von Anbeginn an hinters Licht geführt. Für Dieter Dreßler war Kerschek ein von der Stasi auf Brigitte Reimann angesetzter Ehebrecher. Wenige Jahre bleiben ihr bis zum frühen Krepstod, Jahre in denen sie mit ihrem Hauptwerk Franziska Linkerhand kämpft und hadert, ohne es vollenden zu können.

 

Brigitte Reimann, erster Versuch

Brigitte Reimann, erster Versuch

 

Literatur:

Brigitte Reimann: Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955 – 1963. Berlin 1997.
-: Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964 – 1970. Berlin 1998.
-: Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise. Berlin 1965.
-: Frankziska Linkerhand. Roman. Ungekürzte Neuausgabe. Berlin 1998.
– / Dieter Dreßler: Eine winzige Chance. Blätter, Bilder und Briefe. Berlin 1999.
Brigitte Reimann. Eine Biographie in Bildern. Hg. Margit Bircken und Heide Hampel. Berlin 2004

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§ 2 Antworten auf Ich hatte Lust, ihn in die Schulter zu beißen …

  • agnes p. sagt:

    Brigitte Reimann – für mich eine wundervolle bewundernswerte großartige Frau. Ein schönes Denkmal hast Du ihr gesetzt.

    Ich habe vor vielen Jahren schon ihre Tagebücher gelesen, ihren Briefwechsel unter anderem mit Christa Wolf. An Franziska Linkerhand habe ich mich allerdings noch nicht herangewagt. Ich habe Angst vor der Emotionalität, die mich packen könnte, und das Wissen darum, dass sie das Buch nicht beenden konnte, macht es mich auch nicht leicht, mit dem Lesen anzufangen.

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