„Ich will Euch mal in der Gegend hier in Gedanken spazieren führen…“

August 23, 2016 § 2 Kommentare

Wenn wir als Kinder unsere Großeltern besuchten, stand immer ein Besuch bei Onkel Hans auf dem Programm. Er war der ältere Bruder meines Großvaters, damals als Zahnarzt bereits im Ruhestand. Mit Tante Lisel zusammen bewohnte er ein Stadthaus mit hübschem Garten. Man lebte auf größerem Fuß als bei unseren Großeltern. Für uns Kinder gab’s immer erstmal Eis, das in dem Garten, der nicht mit Nachbarn geteilt werden musste, verspeist wurde. Bei einem der Besuche breitete Onkel Hans eine Karte von Europa auf dem Tisch aus, fuhr mit dem Finger einmal quer darüber und zeigte, welche Länder er gesehen hatte. Was er dabei schilderte, machte tiefen Eindruck auf mich. Nicht, dass ich die Hintergründe seiner Erlebnisse verstanden hätte. Doch Tonfall und Inszenierung der Gesamtsituation ließen keinen Zweifel über die Bedeutsamkeit des Erlebten aufkommen. Dass es sich um Kriegeserlebnisse gehandelt hatte, wurde mir erst später bewusst. Ob vom Ersten oder Zweiten Weltkrieg die Rede gewesen war, blieb jedoch lange unklar. Als dann vor Jahren in unserer Familie ein dickes, in Leinen gebundenes Album auftauchte, löste sich das Rätsel.

 

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Neben vielen Zeitungsausschnitten, Bildern, Fotos, Skizzen und eingeklebten Telegrammen enthält dieses Album im Kern die mit der Schreibmaschine abgetippte Korrespondenz zwischen meinem Großonkel an der Front – zunächst Nordfrankreich, später Galizien – und der Familie in der „Heimat“. In diesen Briefen beschreibt er teils ausführlich den Alltag an der Front. Bevor er im Sommer 1915 an der Ostfront in Galizien in einem Gefecht mit Kosaken schwer verwundet wurde – die rückblickende Schilderung dieser Ereignisse in einem im Lazarett geschriebenen Brief ist allein das ganze Buch wert – nimmt er ab November 1914 am Stellungskrieg vor Reims teil. Dort, in dem kleinen Örtchen Courcy, standen wir gestern an genau  der Stelle, wo sich das Regiment in zweiter Linie hinter der Front „eingegraben“ hatte.

So beschreibt Hans die Gegend einem Brief vom 8. Januar 1915:

 

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Blümchenpflücken auf dem Gelände der geplünderten Fabrikbesitzervilla – das mutet angesichts des unfassbaren Kriegsgeschehens beinahe surreal an. Das qualvolle Ausharren in völlig durchnässter Kleidung bei tagelangem Regen im schlammig aufgeweichtem Graben, die Gefechte während der Patrouillengänge – all das wird andernorts ausführlich beschrieben. Anhand der genauen Ortsbeschreibung konnten wir uns einigermaßen orientieren, wenngleich natürlich absolut nichts im Gelände von dem Geschehen vor gut einhundert Jahren zeugt. Die Bahnlinie:

 

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Die Anhöhe von Brimont, Standort der Artillerie:

 

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Der Blick auf Reims von der Anhöhe aus:

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Die Stadt war im September 1914 für kurze Zeit von den Deutschen eingenommen worden, bevor sich die Armee in die Stellungen um Courcy zurück zog. In einer sinnlosen Aktion wurde dann die Kathedrale beschossen und schwer beschädigt. Davon schreibt Hans bezeichnenderweise nichts; erwähnt wird nur die aus Sicht der Deutschen „ruhmreiche“ Gefangennahme einer großen Anzahl französischer Soldaten. In einem späteren Brief beschreibt er den Blick auf die zu diesem Zeitpunkt doch wohl schon ziemlich beschädigte Stadt:

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Eine ja nun in der Tat irgendwie makabre Szene: im Angesicht der bereits halb zerstörten, ehemals (?) wunderschönen Stadt kommt Hans der ursprünglich auf Neapel gemünzte Ausspruch in den Sinn; den metaphorische Tod hier als ganz banale, unmittelbar drohende Realität vor Augen.

Anrührend aber dann doch, was er an anderer Stelle über die kurzfristige Verbrüderung deutscher und französischer Soldaten am Weihnachtstag 1914 von „Schützengraben zu Schützengraben“ hinweg beschreibt:

 

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Wir fuhren dann weiter nach Reims und besichtigten die Kathedrale. Der deutsche Künstler Imi Knoebel schuf  für die Kathedrale großartige Fenster. Ein Geschenk u. a. des deutschen Auswärtigen Amtes und des Künstlers als Geste der Wiedergutmachung für die Beschädigungen im Ersten Weltkrieg. Da hat sich doch einiges zum Guten gewendet seit Onkel Hans‘ Zeiten.

 

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P.S. Das komplette Album findet sich hier.

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§ 2 Antworten auf „Ich will Euch mal in der Gegend hier in Gedanken spazieren führen…“

  • Oliver Haugk sagt:

    Das Aroma der selbst eingemachten Birnen aus der Stapenhorststrasse begleitet mich bis heute.
    Hans hatte das Pech als Jahrgang 1896 beide Weltkriege aktiv vom Anfang bis zum Ende erleben zu müssen.

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