Per Kirkeby und ein Baum

September 18, 2015 § 8 Kommentare

„Ein Bild zu malen bedeutet im großen und ganzen, Widerstände zu schaffen, die man dann überwindet“

Ich habe einen Baum gemalt. Zu behaupten, ich hätte ihn bei Per Kirkeby geklaut wäre Anmaßung. Dazu hätte ich zuvörderst in den Kirkebyschen Kosmos eindringen müssen. Ich kratze da eher an der Oberfläche dieses Malers und studiere Bilder, die mich faszinieren, ohne dass ich so recht verstünde, wie sie funktionieren. Folgendes möchte ich festhalten: Kirkeby ist Maler und Naturforscher (promovierter Geologe). Einer, der den sichtbaren Dingen auf den Grund geht, die Natur studiert weil er den Entstehungsprozess von Gebirgen oder Gletschern verstehen möchte. Das Beobachten fließt in permanentes Skizzieren, und am Ende entstehen großformatige Ölbilder, die keine Übertragungen dieser Skizzen sind sondern das Ergebnis von Prozessen, wie Kirkeby sie durch sein Naturstudium zu begreifen lernte. Es sind Schichtungen, Sedimentierungen, Ablagerungen. Ich denke da an einen Ausspruch Pollocks, der auf die Ermahnung hin, doch etwas mehr nach der Natur zu malen erwiderte: ich bin die Natur. Als Kirkeby in den sechziger Jahren loslegte, wollte er malen, durfte aber nicht. Die Avantgarde der sechziger rieb sich am bürgerlichen Kunstverständnis und erklärte die Malerei für tot. Aber wie das so ist mit Hindernissen im Leben, sie befeuern und ermöglichen neue Lösungsansätze. Kirkeby schuf Serien von quadratischen Masonitplatten, auf die er Farbe im klassischen Sinne auftrug, ohne sie als „Malerei“ zu deklarieren. Sie waren Teil eines Konzepts. Später dachte er sich während einer Reise nach Mexikos in die historische Figur John Catherwood hinein und zeichnete wie dieser gut 100 Jahre zuvor die Ruinen der Mayas. Gewissermaßen als Lockerungsübung, um die maltheoretischen Konzepte des 20. Jahunderts hinter sich zu lassen. So fand er auf Umwegen schlussendlich zur klassischen Malerei in Öl auf Leinwand und malt seit dem großformatige, farbenprächtige Bilder, die auf den ersten Eindruck abstrakt daherkommen, jedoch wiederkehrende Motive durchscheinen lassen: Baumstumpfe, Hütten, Höhlen. Wie er die Farbmassen, gelegentlich durch zeichenhafte Muster aufgebrochen, rhythmisiert und formal bändigt, finde ich augenbetäubend. Wie aber komme ich auf das eingangs erwähnte „Klauen“? Es lohnt sich, zu lesen, was Kirkeby über sich und seine Malweise, die Kunst und das Leben überhaupt schreibt. Und so wird mir der Kerl einfach sympathisch in seiner schnoddrig geerdeten Art, intellektuell durch und durch aber als Künstler intuitiv agierend. Da sagt er Sachen wie: früher sei er ins Museum gegangen, um kunsttheoretisch mitreden zu können. Jetzt gehe er ins Museum um zu klauen. Oder dass er Abbildungen des von ihm bewunderten Catherwoods abfotografierte und als Dia auf seine Leinwand projezierte, um dann einfach loszulegen. Oder: „Ich fange in Wirklichkeit mit einer Art romantischem Platonismus an. Ich habe das Bild bis zu einem gewissen Grad der Perfektion klar im Kopf. Seine Realisierung lässt diese Klarheit immer zusammenbrechen und stößt es in jedesmal gleich schmerzhafte Erkenntnis der Wirklichkeit hinaus, von der der Malprozess eine bessere Metapher als jede andere, wissenschaftliche Erkenntnis gibt: das alles Schlamm ist. Aus diesem Schlamm entstehen einige provisorische Ordnungssysteme, die gerade kraft ihres Spannungsverhältnisses zum stofflichen Kosmos interessant sind.“* Und wie erkennt man ein gutes Bild? „…Sobald ich das Bild meinem Besucher zeigte, wusste ich, daß es Mist war. – Wie konntest du das wissen? – Das weiß ich einfach. Mein inneres Auge und meine Eier erheben sich etwas und drohen sich zusammenzukrampfen, und in mir beginnen schreckliche Dinge zu geschehen“. (Wie läuft die Qualitätskontrolle bei Frauen ab?) Und diese sehr kluge Bemerkung zur Ironie: „1969 waren es demonstrativ Versatzstücke, die rein bedeutungsmäßig fast mit der Laubsäge ausgesägt waren…Ganz klar war Ironie dabei. Bei einem solchen Bild wie ‚Baum-Ingemann‘ von 1983 wurde es komplizierter, weil die Ironie keinen Ausweg mehr ermöglichte. Es war ernst geworden, und damit hing ich drin… Ich hätte schon auch weiterhin deutlich auf didaktisches Klischee machen können, daß ich in der großen Klasse Marcel Duchamp mitmischte. Doch ab und zu muß man das Risiko auf sich nehmen und eingestehen, daß man so dumm ist wie man ist.“ Kirkeby ist ein ganz Großer, und wie alle ganz Großen, muss er sich nicht aufplustern. Ganz im Gegenteil. Auf lakonische und nur entfernt kokette Art dimmt er alles um seine Arbeitsweise herum runter. „Ich habe immer gesagt, dass es gleich ist, welche Farbe man benützt. Man nimmt, was zur Hand ist, und eben das tat ich.“ Natürlich weiß er ganz genau, wie er seine Farben inszeniert. Aber die Haltung ist ganz klar: ich kann mit dem arbeiten, was ich habe. Und mich ganz persönlich, der ich schon so lange mit dem Abstrakten hadere und irgendwie immer die Figur brauche, tröstet er: „Das ist jedesmal ein großes Problem, wenn man so ein Bild beginnt. Manchmal übernimmt das Abstrakte, und dann versucht man, etwas Inhalt hinein zu tun, damit es etwas bedeutet, aber es wird leicht zu buchstäblich. Es ist ein arger Schlamm.“

Eigentlich müsste ein Bild Kirkebys den Artikel illustrieren. Seine Bilder sind aber leicht zugänglich (wie übrigens auch ein wunderbarer Film über ihn), und Ziel dieses Blogs ist es schließlich, eigene Bilder zu zeigen. Fühlt sich allerdings irgendwie komisch an, ein eigenes Bild „in die Nähe Kirkebys“ zu rücken. Beinahe dilettantisch. Aber ja – so geht es.

 

ins gelb

*Alle Zitate aus: Per Kirkeby, Gespräche mit Lars Morell. Köln 1998.

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