Klecksografien

Juli 18, 2014 § 18 Kommentare

„Diese Bilder aus dem Hades, / Alle schwarz und schauerlich, /(Geister sind’s, sehr niedern Grades,) / Haben selbst gebildet sich / Ohn‘ mein Zutun, mir zum Schrecken, / Einzig nur – aus Tintenflecken. “

So dichtete der Dichter, Arzt und Zeichner Justinus Kerner (1786 – 1862), traute sich aber nicht, die so besungenen Klecksereien, von denen er etliche produziert hatte, zu veröffentlichen. Erst 1890 erschienen seine “ Klecksographien“. Das Verfahren ist simpel. Man bringt Tinte auf’s Papier, faltet das Blatt in der Mitte, drückt beide Hälten zusammen und erfreut sich anschließend an den seltsamen Gebilden, die der Zufall zum Leben erweckt. Lange vor den Surrealisten also, vor Frottage, Aleatorik, und was das 20. Jahrhundert sonst noch an Verfahren zur Umgehung des Künstleregos erfand, ließ sich Kerner auf das Unterbewusste ein und verzichtete auf künstlerischen Gestaltungswillen als Grundlage von Kunst (wobei er dem Zufall schon auch ein bisschen auf die Sprünge half). Meiner den aktuell hohen Temepraturen geschuldeten Bequemlichkeit kommt das Verfahren entgegen: ich lasse malen (Stichwort: Kompetenzauslagerung), und schlürfe dazu einen Hugo nach dem anderen . Und freue mich wie ein Kind auf den Moment, da ich das gefaltete Papier auseinanderziehe – voller Neugierde, was Papier und Farbe in schöner Eintracht hervorgezaubert haben mögen. Apropos: die Kernersche Tinte tausche ich gegen Acrylfarbe. Ich will es BUNT, explosiv! Keine Hadesleichen und fahlen Geister, sondern Raubtiere, Triebtäter, Schamanen, Schlangenbetörer, Exoten, psychodelic monsters…

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Klecksografie f4pt

tbc

(Für K. :-))))

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§ 18 Antworten auf Klecksografien

  • das ist doch was für psychologen, die haben doch einen speziellen test dazu entwickelt. wie heißt der noch gleich?

  • Stony sagt:

    Hui, sehr schön! Der Detailreichtum ist faszinierend, besonders Bild 3 und 4 würde ich mir, ausreichend vergrößert, glatt an die Wand hängen. Wie groß sind denn die Blätter die du verwendet hast?

  • Stony sagt:

    Interessant. Ich komme gerade zu der Ansicht, daß ich die Bilder doch nicht an eine Wand hängen möchte, gleich in welchem Format. Je mehr ich darüber nachdenke, umso wertvoller erscheint mir der Schaffensprozeß für sich genommen zu sein. Das spielerische dilettieren, die Absicht die von sich selbst absieht und in der (im positivsten aller Sinne) kindlichen Neugier ihren Höhepunkt findet. Würde man die Bilder als ‚Endergebnis‘ an eine Wand verbannen, dann wäre die Dynamik des ganzen doch arg beeinträchtigt. Wenn es fremder Hände ‚Arbeit‘ ist; bei eigenen wäre die Erinnerung an die Freude der Entdeckung zumindest noch ein Argument das dafür spräche.
    Sehr inspirierend das, danke dafür und für’s Teilhaben lassen!

    A bigger Klecks! … Klecks-O-Mania? Yeah! 🙂

    • derdilettant sagt:

      Versuchsweise werde ich mir die ein oder andere Kleckserei sicher an die Wand hängen – idealerweise taugen diese Bilder als quasi Tapete ebenso wie als Aufmerksamkeit heischendes Bild. Mal schauen…

      • Stony sagt:

        Im Prinzip hat der Versuch ja bereits stattgefunden und funktioniert – wenn man dein Blog als erweitertes Wohnzimmer betrachtet. Ich fühle mich hier als Gast, dem freundlicherweise ein kleiner Einblick gewährt wird. Meine Aufmerksamkeit wurde gefangen und durch den begleitenden Text auf einen dir wichtigen Punkt gelenkt, ohne daß die gedankliche Beschäftigung darauf reduziert wäre.
        Eine dankend angenommene Einladung sich weitergehend mit deinem Konzept des Malens im speziellen, oder halt dem Malen ganz allgemein zu beschäftigen. Die Neugier ist geweckt und was ist inspirierender als dies?

        AFK funktioniert das bestimmt auch, wobei man hier den zusätzlichen Aspekt hat, auch ohne Lupe die Feinheiten der Bilder wahrnehmen zu können, nebst aller Zeit die man sich nehmen mag. Ein anderer, daß der Gedankenaustausch nicht ganz so unmittelbar erfolgen kann. Hat alles etwas für sich.

        Wie man es auch nimmt: ich finde es hervorragend!

  • betrachtende sagt:

    spannend am rohrschach-test ist ja nicht nur die interpretation des entstandenen bildes, sondern die sofortige reaktion, die spätere reaktion und der umgang damit ……
    aber natürlich passiert bei deinen bildern das gleiche. ich finde es sehr spannend und es löst irgendwie beim betrachten ähnliches aus wie eine installation. …und die farben explodieren wirklich.

  • derdilettant sagt:

    Die Welt zu Gast in meinem Wohnzimmer – yep! 😉 Erfahrungsgemäß ist es aber doch ein großer Unterschied, ob ich auf den Monitor starre, beinahe geblendet von den leuchtenden Farbkontrasten, oder ob in meinem analogen Umfeld Bilder wirken,sei es im Vorbeigehen, Stehenbleiben, Innehalten, Rantreten, Zurückziehen… Es ist ja auch die Haptik, der wechselnde Lichteinfall – kurz: der geballte Wahnsinn unserer materiellen Existenz! Was ist demgegenüber die jederzeit wegklickbare digitale Welt? Einen Daumen drübergehalten – wie damals der Mondfahrer (Armstrong?) – und weg ist sie! 🙂 Und danke für deine Kommentare – dies ist ja das schöne am Blog.

    • Stony sagt:

      Ein spannender Punkt den du da anbringst: die haptische Wucht des Originals und der Kontext der Betrachtung, intensiviert noch durch die ungemeine Vielfalt der Möglichkeiten.

      Und doch (nur ein klitzekleines „Aber“): die wegklickbare ist auch die hinklickbare Welt, die Entfernungen mit einer Handbewegung überwindet, Räume eröffnet und einen Blick möglich macht, wenn auch nur auf ein Abbild. Zumindest ist es ein Einstieg, ein Anfang.

      Wollte man das noch weiter treiben, könnte man sagen, daß ja auch das Bild selbst nur ein Abbild ist; Ergebnis von Gedanken und Gefühlen des Künstlers. So wie tausend Bilder und Gedichte keinen echten Sonnenaufgang ersetzen können, wohl aber unserer Wahrnehmung etwas hinzu zu fügen vermögen, was uns sonst (womöglich) verschlossen geblieben wäre. Den Blick, die Perspektive des Künstlers, die erst durch das einfrieren des Moments möglich wird – eine Bereicherung unser selbst, wenn wir es zulassen. 🙂

      • derdilettant sagt:

        Schöner Gedanke – die Erweiterung unserer Wahrnehmung! Die hin- und wegklickbare Welt aber ist auch eine zu tiefst unverbindliche, mitunter gar beliebige…

      • Stony sagt:

        Da sprichst du ein wahres Wort gelassen aus. Wobei die ‚andere Welt‘, die der wir weniger leicht entfliehen können, uns auch gern und bis zum Übermaß in ihren Zwängen befangen macht und gefangen hält. Hat alles sein Für und Wider. Nun ja, ein weites Feld.

  • tikerscherk sagt:

    Sehr schön und sehr organisch irgendwie.

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