Ich lebe

März 19, 2014 § 7 Kommentare

von, mit, an, auf, unter, zwischen  Zetteln. Sie sind mein ständiger Begleiter durch den Tag, in dessen Verlauf sich meine linke Hosentasche mit beschriebenen Zetteln auffüllt. Ich bewirtschafte sie, und sie bewirtschaften mich. Wir wirtschaften miteinander. Heute habe ich gefühlte tausend davon eingeklebt. Das Einkleben ist der Versuch, der Zettelflut Herr zu werden und sie in den Modus eines Buches, welches man in Ruhe durchblättern kann, zu überführen. Ich habe nämlich festgestellt, dass spontan aufgezettelte Notate durchaus eine gewissen Halbwertszeit haben (können), und sich ihre Funktion keineswegs im Akt der Klärung komplizierter Sachverhalte durch instantöses Ausformulieren derselben erschöpft. Nachdem drei Prittstifte verbraucht waren (hielten die früher länger?) und ich mit der guten alten Uhu-Tube weiterkleben musste (deren Klebstoff noch immer Fäden zieht aber – vermutlich aufgrund sachdienlicher Intervenierung unseres Drogenbeauftragten – nicht mehr so intensiv riechen wie ehedem) griff ich erschöpft zum Weinglas. Ruppig nahmen die Tannine Besitz von meinem Gaumen, und da durchschoss ein Gedanke mein verklebtes Gehirn: wie kommt es, dass Wissenschaftler drei Milliarden Jahre alte Strahlen im Universum aufspüren, sozusagen die frische Erinnerung an den Urknall anzapfen, während meine besten Gedanken keinen Tag überleben, so dass ich sie auf Zettel notieren muss, die ich dann mühsam in Bücher klebe, hoffend, dereinst beim Durchblättern derselben mein Potential anzapfen zu können. Etwas stimmt nicht mit demUniversum. Ich bin frustriert. Und während die guten Gedanken gehen, bleiben die schlechten, und umkreisen 14 Milliarden Jahre nach dem Urknall mein armes Hirn. Etwas stimmt nicht mit dem Universum.

selbst 14 Milliarden Jahre

Oder mit mir?

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§ 7 Antworten auf Ich lebe

  • thomasbeller sagt:

    Sehr schön, erinnert mich an Arno Schmidts Zettelkasten, den ich mir einmal selbst gebaut hatte. Allerdings habe ich für mich festgestellt, dass mir das Sammeln irgendwann nicht mehr gut tat, und so notiere ich zwar heute immer noch, werfe die Notate aber größtenteils weg und denke „was kommen soll, kommt wieder“. Ob das geschieht kann ich allerdings nicht wissen und finde die Idee der Notate als Buch spannend, fragmentarisch wie das Leben.

  • derdilettant sagt:

    Die bekritzelten Zettel wegzuwerfen macht sicher auch Sinn.Ob sich später etwas auszahlt, wird sich zeigen. Das Einkleben war/ist für mich eine Form der Selbst(beschäftigungs)therapie, aber auch eine Flaschenpost in die Zukunft. Immerhin bin ich gelegentlich überascht festzustellen, dass ich auch früher schon manch guten Gedanken hatte, und das jetzt verblüfft feststellen kann weil er nicht nur notiert sondern aufgehoben wurde.

  • mrsbelcani sagt:

    Ein schöner Beitrag! Ich kenne das Phänomen, alles aufschreiben zu müssen/wollen und andernfalls es (die Gedanken) zu verlieren. Deshalb habe ich mir ein Büchlein zugelegt, welches ich immer, (mit Stift natürl.) bei mir trage… Aber deine Zettel Variante hat natürlich mehr Charme 😉 Ich habe tatsächlich wiederholt die Erfahrung gemacht, dass ich meine Gedankengänge und Ideen, sobald einmal durchdacht, als abgehakt vergesse/verdränge und oder verliere. Um diesem Frust ein Ende zu bereiten – das Büchlein (bzw. mittlererweile ein Büchleinstapel =)…

    • derdilettant sagt:

      Büchelchen jeglichen Formats liebe ich auch, und habe stets eines dabei. Da finden eher die „offizielleren“ Themen ihren Niederschlag, manchmal geht’s aber auch ein bisschen durcheinander… Ansonsten immer getreu der Devise: ich schreibe (auf) also denke ich 🙂

  • Skizzenbücherzettelserviettenbildertexte und all sowas sind für mich wie kleine Lebensteilchen meiner selbst, ich sammle und klebe ebenso … muss sein … damit halte ich mein Leben zusammen und staune immer wieder, was mir denn damals und heute und Morgen wieder alles so einfällt … zwischendurch und mittendrin. 😉 Das Zeichnen selbst ist Psychohygiene, Überlebensmuster … manisch .. aber es heilt. 🙂 Freue mich sehr, Deinen Blog entdeckt zu haben und freue mich ab jetzt auf mehr. 🙂 Liebe Grüße – Conny

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