Eine Geschichte

November 26, 2013 § Ein Kommentar

Als ich zehn Jahre alt war starb mein jüngerer Bruder bei einem Verkehrsunfall. Er war neben mir los gelaufen, direkt in das zu schnell fahrende Auto. Ich habe keine Erinnerung an ihn, außer diesen Moment. Er veränderte das Leben meiner Familie. Mein Vater ging Abend für Abend in den Keller und zeichnete den toten Sohn. Meine Mutter versorgte uns still weiter. Ich nahm die Klavierstunden auf, die mein Bruder abgebrochen hatte. In der ersten Stunde gab mir die ältere, sanfte Klavierlehrerin eine kupferne Kugel in die Hand. Sie schien wertvoll und durfte nicht zu Boden fallen. Die Wölbung der Finger sollte ich mir merken. Für die richtige Fingerhaltung beim Klavierspielen. Voller Erfurcht nahm ich den Platz meines Bruders ein und maß mich fortan mit seinem Mitschüler. Mit zwölf wollte ich in ein eigenes Leben aufbrechen und mit dem Klavierspielen aufhören. Meine Eltern bestanden darauf, dass ich weiterspielte. Den Erwartungen aber, die in meinen toten Bruder gesetzt wurden, wurde ich nicht gerecht. Ein Leben lang nicht.

Advertisements

Tagged:

§ Eine Antwort auf Eine Geschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Eine Geschichte auf Der Dilettant.

Meta

%d Bloggern gefällt das: