Eine Reise nach Lviv – Lemberg

September 8, 2013 § 2 Kommentare

Bis Ende es Ersten Weltkriegs gehörte das in der Westukraine gelegene Lviv als „Lemberg“ zur „Donaumonarchie“ Österreich-Ungarn und war Hauptstadt des „Kronlandes“ Galizien. Davor und danach gehörte es zu Polen. Einer Geheimabsprache zwischen Hitler und Stalin folgend besetzten die Russen 1939 Ostpolen und damit Lviv (polnisch Lvov), 1941 fiel die Wehrmacht ein, drei Jahre später auf ihrem Vormarsch gegen die Wehrmacht die Rote Armee. Die Ukraine wird Sowjetrepublik, 1992 ein unabhängiger Staat. Vor diesem Machtpolitischen Hintergrund spielten sich die menschlichen Dramen ab, die von Vertreibung, Vernichtung und Zuwanderung geprägt waren. Am grausamsten wirkten die Deutschen während der zweijährigen Besatzung. Sie ermordeten praktisch alle Juden und zerstörten ihre Synagogen. Das Unfassbare aber ist, dass diese Stadt, wenn man sie jetzt besucht, konserviert scheint als ein in Stein gehauenes Monument des frühen 20. Jahrhunderts. Nirgendwo in Europa kann man, meines Wissens, eine Stadt sehen, die so komplett das Erscheinungsbild vergangener Jahrhunderte erhalten hat. Kriegsschäden gab es keine nennenswerten, und die Sowjetunion beschränkte ihre Bautätigkeit praktisch auf die Vorstädte. Somit läuft man stundenlang durch eine von Renaissance, Barock, Kaiserzeit, Jugendstil, Art deco und Vorkriegsmoderne geformte Stadt und reibt sich verwundert die Augen. Denn keineswegs befindet man sich in einem Museum (ich denke da an eine Stadt wie Görlitz), sondern in einer vibrierenden, gelebten, jungen (Uni!) pulsierenden Stadt. Allerdings im Zustand postkommunistischer Gnade, denn – noch – verschont von der hässlichen Fratze des Spätkapitalismus. Kaum Werbung, überall so alte Kioske mit quadratzentimetergroßen Öffnungen, durch die Zigaretten, Zeitschriften, Backwaren hindurchgereicht werden. Und weil die Häuser immer, zum Teil durch Jahrhunderte, bewohnt wurden, sind sie in einem passablen Zustand, teilweise behutsam restauriert (die ganze Innenstadt ist UNESO-Weltkulturerbe), aber man findet ganz viele bauliche Details, die andernorts wegrestauriert wurden. (Dieses Schicksal könnte der Stadt noch blühen).  (Wird fortgesetzt)

Wie immer, wenn ich unterwegs bin, ist ein kleines Notizbüchlein am Start. Für die schnelle Skizze unterwegs, im Zug, im Flugzeug, im Cafe, wo auch immer sich Menschen beobachten lassen.

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Dank an meine Mutter für die Anregung

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§ 2 Antworten auf Eine Reise nach Lviv – Lemberg

  • phyllis sagt:

    Ich mag Kugelschreiber-Skizzen, aber wie verschlossen die Menschen doch alle blicken, die Ihnen begegnet sind! War denn nicht ein einziger Lächelnder dabei?

  • derdilettant sagt:

    Stimmt, alles ernste Gesichter! Der Grund ist ein ganz praktischer: zwar versuche ich mit einer Skizze den flüchtigen Moment einzufangen, brauche mit meinen begrenzten Mitteln aber doch länger, als ein Lächeln, oder gar Auflachen dauert. So werden Opfer meines Kugelschreibers die Versunkenen, In-sich-Gekehrten, die Smartphonewischer und manchmal – seltener – die in ein Buch Vertieften. Jedenfalls die mit dem größten „Stillhaltepotential“. Ich skizziere ja „verdeckt“, aus dem Hintergrund (fast hätte ich geschrieben: Hinterhalt) heraus, nicht in einer offen kommunikativen Situation. (Mich das zu trauen ist die Schwelle, vor der ich mich schon eine Weile herumdrücke… ) Tja und die Lemberger sind bestimmt lustige, lebensfrohe Gesell:Innen, allein – keiner einzigen slawischen Sprache mächtig blieb ich leider stiller Beobachter.

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