Onkel Hans im Ersten Weltkrieg

Mai 27, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Besuche in meiner alten Heimat befördern regelmäßig Erstaunliches zutage. Neben Gesprächen mit Familienmitgliedern, die schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel haben als ich und folglich Geschichten aus einer anderen Zeit erzählen können, verbrachte ich manche Stunde mit der Lektüre eines dicken Bandes, den mein Großvater zusammen mit seinem älteren Bruder verfasst hatte:

Geschichte der Familie Friedrich Otto Gottlob Haugk im Weltkriege 1914 – 1918. Zusammengestellt und bearbeitet auf Grund der Familienbriefe, Aufzeichnungen, Erinnerungen und der Regimentsgeschichten des I. R. 78, R. I. R. 231, R. I. R. 440 und I. R. 164 durch Hans und Fritz Haugk. Mit vielen Karten, Plänen, Bildern und Faksimiles. Im Selbstverlag Bielefeld 1931

Ein einzigartiges Dokument, das mir nicht nur den Alltag der Familie meines Urgroßvaters anhand vieler – Gottseidank transkribierter! – Briefe nahe bringt, sondern die Erschütterungen einer Kriegsmaschinerie unglaublichen Ausmaßes im Erleben eines Soldaten und seiner Familie spürbar werden lässt. Dass eine ganze Nation begeistert in den Krieg zog – man hat es im Geschichtsunterricht gelernt. Aber warum? Wofür? Warum Gesundheit, Wohlergehen, das Leben – warum das alles so leichtfertig aufs Spiel setzen? An seinen im Schützengraben liegenden Sohn schreibt der Vater: „An Deinen mir so lieben Zeilen erkennen wir aber Deinen Charakter und wir sind stolz auf Deine Gesinnung. Ja über alles die Pflicht. Das Bewußtsein, diese zu tuen und getan zu haben stärkt unser Selbstgefühl und aus diesem heraus entsteht unser Urteil: Wahr und treu!“ Mit der Verwundung meines Großonkels Hans im Frühjahr 1915, kurz nach dessen 18. Geburtstag, und der daran sich anschließenden Korrespondenz bricht das Werk, das doch im Titel den Anspruch führte, die gesamte Zeit des Krieges zu schildern, ab. Symptomatisch dies: die Begeisterung ließ mit zunehmender Dauer des Krieges nach, daraus resultierende Selbstzweifel mündeten in Sprachlosigkeit. Und so dokumentiert der rückschauende Blick 1931 den „heroischen“ Beginn und quittiert das bittere Ende mit Stillschweigen. Und unglaublich aber wahr: kaum dreißig Jahre später wiederholt sich alles. An der Logistik von Feldpostkommunikation, die im Ersten Weltkrieg Mengen an Briefen als Zeitdokumente ermöglichte, wirkt mein Opa als Postinspektor im Zweiten Weltkrieg mit. Von der sich weiter nach Osten schiebenden Front schickt er eine Grußpostkarte nach der anderen an die Lieben zuhause. Nach der Kapitulation und während der Entnazifizierung werden die sorgfältig gesammelten Postkarten verbrannt und es beginnen angstvolle Jahre des Schweigens.

Aber noch etwas anderes beschäftigte mich während der Lektüre: Der Übergang von Erlebtem zu Geschildertem, von Eindruck zu Ausdruck, von „Drinsein“ zu „Drüberwegsein“, von Leben zu Literatur. In einem mehrseitigen Brief schildert Onkel Hans nach Wochen der schleppenden Genesung in einem Brief aus dem Lazarett die Umstände seiner Verwundung. Wie alle während eines zweitägigen Gefechts gegen die Russen nordöstlich von Lemberg zunehmend die Orientierung verlieren, jeder nur noch versucht durchzukommen, wie sich schließlich immer mehr in einem Dorf einfinden, den Feind schon in die Flucht geschlagen, und sicher glauben, und wie dann urplötzlich aus einem Wäldchen heranpreschende Kosaken angreifen. Und wie Hans, bevor ihn selbst eine Kugel am Bauch trifft, fünf von ihnen „herunterholt“. Der Vater lobt in seinem Antwortschreiben den sachlichen Ton, der alles Wesentliche zusammenfasse, ohne es an Anschaulichkeit und Lebendigkeit fehlen zu lassen. Bei aller zweifellos vorhandenen Fürsorge und der Sorge um das Wohlergehen des Sohnes behandelt er dessen Schilderung bereits wie ein Stück Literatur. 1976 starb Onkel Hans. Ich habe nur die allerbesten Erinnerungen an ihn.

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