Die lapidare Wucht Honoré Daumiers

Mai 6, 2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Einer spontanen Eingebung folgend radelte ich heute nach getaner Arbeit hinüber zum Pariser Platz und besuchte die Honore-Daumier-Ausstellung im Liebermann-Haus. Mir blieb bis zur Schließzeit eine Stunde, und eigentlich wollte ich mir zunächst einen kurzen Überblick verschaffen. Ein aufmerksamer Angestellter erklärte, die Ausstellung erstrecke sich über zwei Etagen. Ich startete also meinen Rundgang, biss mich aber vor lauter Begeisterung an jedem der kleinformatigen Ölbilder fest, die doch einen anderen Daumier zeigen als den, den man von seinen Karrikaturen für Zeitungen kennt. Der besagte Angestellte erkundigte sich nach einer Weile besorgt, ob ich den zweiten Stock denn schon gesehen hätte – die Ausstellung schließe in wenigen Minuten. Als ich verneinte, schrieb er seinen Namen auf mein Ticket und erklärte, damit käme ich ein weiteres Mal hinein.  So ist der Berliner!

Mich faszinierte, wie lapidar und doch so auf den Punkt genau Daumier seine Menschen in Szene setzt. Wie er den Moment erwischt, den entscheidenden. Pilatus zeigt auf Jesus (Ecce homo), beugt sich in theatralischer Verrenkung zur Menge herunter, im Gegenlicht ist kaum mehr als seine Silhouette auszumachen, aber jede Faser seines Körpers ist gespannt und hinter ihm steht Jesus, zugleich Würde und Zerbrechlichkeit ausstrahlend. Man fragt sich, wie das geht – Daumier macht’s. Oder der Maler vor seinem Bild – in einem Moment erkennenden Erschreckens weicht er zurück vor seinem Opus, da blitzt die ganze Magie des Schaffensprozesses auf, und dennoch ist alles so unspektakulär, so „normal“. Kein Budenzauber, nix Weihevoll-Mysisches. Man spürt einfach dieses Interesse am Menschen. So entspringen genauester Beobachtungsgabe Bilder von lapidarer Wucht. Oder der Kunstsammler. Leicht geneigten Hauptes sitzt er im Sessel, versunken in die Betrachtung einer Skluptur. In Kohle und Feder, laviert ausgeführt arbeitet Daumier  hier subtil mit dem Wechsel von Kontrastreichtum und -armut. Aus der wattig-weichen Szenerie ragt nur der mit Federstrichen modellierte Kopf des Sammlers heraus. Na ja, alles beschreiben nützt nix. Muss man sehen. Natürlich habe ich mich gefragt, wie man in einer Zeit, als die Fotografie gerade erst aufkam, flüchtige Momente so präzise, so stimmig fassen kann. Ich selber dilettiere ja gerne während gelegentlicher U-Bahnfarten. Aber da suche ich mir schon die Passagiere, die dankenswerterweise  – im Banne der digitalen Welt – stillhalten, oder einfach nur vor sich hinträumen…

Skizze 4iioe79

Skizze k403kzo

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