Vom Vorteil des Bildes gegenüber der Wirklichkeit

Februar 16, 2013 § 2 Kommentare

kuh auf wiese

Ich besuchte neulich die Grützke-Ausstellung im Berliner Stadtmuseum. Dort sagte der Maler in einem Film sinngemäß, das Bild zeige ja nicht einen Menschen, sondern Farbe auf Leinwand. Der abgebildete Mensch sei Illusion. Das stimmt natürlich. Einerseits. Andererseits ist aber auch das, was wir in der Wirklichkeit von einem Menschen sehen nur eine Illusion. Wir wissen zwar, er ist da, wenn wir ihn sehen. Aber das Bild, das wir vor Augen haben, ist eine Schöpfung unseres Gehirns. Darin dem schöpferischen Akt des Malens durchaus vergleichbar. Bringt also der Maler das Bild auf die Leinwand, ahmt er, mit seinen Mitteln, die Leistung des Gehirns nach. Lustigerweise muss er sich, damit das befriedigend gelingt, das räumliche Sehen abtrainieren. Hat sein Gehirn über Jahre der Entwicklung vom Kleinkind zum Erwachsenen hin gelernt, das Abbild, das wir von der Realität sehen, räumlich zu interpretieren (wenn sich der Abstand zweier paralleler Eisenbahnschienen verringert, führen sie vom Betrachter weg in die Tiefe des Raumes), so muss der Zeichenschüler diesen Entwicklungsstand zurückschrauben. Er muss, wie man sagt, lernen „grafisch“ zu sehen (Gelernt hat der Mensch, dass eine Nase in verkürzter Perspektive in Wirklichkeit immer noch lang ist. Folglich will der Zeichenschüler sie auch lang malen, obgleich er sie kurz sieht). Oft hört man, ein Bild sei der Realität gegenüber im Nachteil, weil es nur in zwei Dimensionen existiere. Das ist natürlich Quatsch. Letztendlich sieht der Mensch auch die Wirklichkeit nur als Bild, zweidimensional. Er kann die Tiefe des Raumes nur wahrnehmen, weil er Zeit hat. Versteht er in einer Situation die räumliche Gegebenheit nicht richtig, verändert er seine Position und erkennt durch die Verschiebung wahrgenommener Punkte den korrekten Zusammenhang. Bleibt er aber wie fixiert, gewissermaßen außerhalb der Zeit, sieht er immer nur ein zweidimensionales Bild. Und genau hier liegt das Faszinierende der Malerei, des Bildes. Sie hebt die Zeit auf und bietet dem Schauenden die Möglichkeit, eine Situation so lange zu betrachten wie er möchte. Fürs Überleben brauchen wir die gelernte dritte Dimension. Fürs Glück reichen die zwei des Bildes.

Drum hab ich fleißig gemalt:

Portrait ff45w2

Portrait ee523Iu

Portrait 59de9w2

Karatekämpfer

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